Freitod eines Genies oder eines verwirrten geisteskranken Mannes?

Heinrich von Kleist - Leben und Werke


Bild des Künstlers Heinrich von Kleist
Ein gescheitertes Genie? Einfach nicht normal? Oder der Mann für die perfekte Inszenierung? Sicherlich von jedem etwas. Auf einem Hügel am Kleinen Wannsee in Berlin passierte es am 21. November 1811. Auf den Knien sitzen sich Heinrich von Kleist (34) und seine 31-jährige Gefährtin Henriette Vogel gegenüber als die folgenschweren Ereignisse passieren. Heinrich von Kleist erschießt zuerst seine Begleiterin und dann sich selbst. Der Freitod des Schriftstellers jährt sich 2011 zum 200. Mal. Daher wurde Anfang März das Kleist-Jahr, welches an den wichtigen Schriftsteller der Klassik, welcher heute gerade den neuen Generationen weitestgehend fremd ist, erinnern soll, eröffnet. Heute gilt Kleist als Vorreiter der Moderne, doch zu Lebzeiten wurde er wie viele bedeutende Künstler verkannt. Sowohl heute als auch zu Lebzeiten schockierte er und übte eine nachhaltige Wirkung auf seine Leser oder Zuschauer aus. Seine Protagonisten zeichnen sich dadurch aus, “dass sie zwar von Grübeleien und der deutschen Innerlichkeit befreit sind, sie scheitern dafür an der Realität“ teilt die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft mit. Auch Kleist selber scheiterte an der Realität und ihren Ansprüchen und Herausforderungen. Vergeblich suchte er Anerkennung oder Glück. Doch für Träumer wie Ihn gab es in der Umbruchszeit der Napoleonischen Kriege keine Bühne. Er war seiner Zeit voraus. Geboren vermutlich am 10.Oktober 1777 in Frankfurt an der Oder, als Sohn eines preußischen Offiziers scheint ihm erst einmal eine glänzende Karriere bevorzustehen. Der Familientradition entsprechend tritt er mit 14 Jahren in die preußische Armee ein. Er wird Mitglied des Garderegiments (Militärische Einheit die sich durch besondere Aufgaben, Fähigkeiten und Erfahrung, oftmals auch durch eine andere Uniform von den anderen Soldaten unterscheidet) bittet aber kurz darauf um seine Entlassung. Für einen preußischen Offizier ist das eine Ungeheuerlichkeit. Peinlich ohne gleichen! Für Kleist war der Krieg und der Militärdienst aber vor allem eine persönliche existenzielle Krise. Sein Verhältnis zu Frauen ist schwierig seit die Verlobung mit der Generalstochter Wilhelmine von Zenge in die Brüche geht. Ohne Lebensplan irrt er verzweifelt durch das Leben. Auf der Suche nach seiner Bestimmung beginnt er zu studieren, will erst Bauer und dann doch Forscher werden. Er reist viel umher. Nach der Lektüre Kants setzt er sich mit dessen Zweifel an der objektiven Wahrheit auseinander. Letztendlich zieht im dies vollends den Boden unter den Füßen weg. All das schlägt sich auch in seinen Werken nieder, die wie „das Käthchen von Heilbronn“ oder „Der zerbrochene Krug“ zum festen Repertoire der Theater gehören. Auch wenn er sich in allen Genre von der Komödie über das Ritterspiel versucht, so haben doch alle Stücke eins gemeinsam. Immer haben einzelne Figuren, oft sogar einer der Hauptcharaktere einen Hang zu sinnloser Gewalt und sind innerlich zerrissen. Der scheinbar so gutmütige Pferdehändler Michael Kohlhaas verwandelt sich im Streit um zwei Pferde zum rücksichtslosen Mordbrenner. In den eher sperrigeren Stücken wie „Die Marquise von O…“ wird die Marquise von ihrem Bräutigam vergewaltigt. Auch im Märchenspiel „Das Käthchen von Heilbronn“ wird die Titelheldin brutal von ihrem Geliebten zusammengeschlagen. Im Trauerspiel „Penthesilea“ tötet die Königin der Amazonen ihren Geliebten Achill nicht nur, nein sie schlägt ihm auch „den Zahn in die Brust“ was so viel bedeuten soll, wie sie wird zur Kannibalin. Kleist kommt auf den Bühnen seiner Zeit nicht an. Selbst das mit Goethes Hilfe in Weimar inszenierte Stück „Der zerbrochene Krug“ wird zu einem Flop. 1803 erleidet er einen Zusammenbruch und gerät auch danach immer wieder und immer mehr in die persönliche aber auch finanzielle Krise. Selbst ganz andere Projekte wie die Berliner Abendblätter, die erste Tageszeitung Berlins oder das Kunstjournal „Phöbus“ scheitern. Die Betteleien nach Geld und die Zensur seiner Werke enttäuschen und nerven ihn. Es kommt soweit, dass ihn selbst seine Familie mit sechs Geschwistern ein „nichtsnutziges Glied der Gesellschaft“ nennt. An diesem Punkt angelangt lernt Kleist Henriette Vogel kennen. Die verheiratete Berlinerin ist an Gebärmutterkrebs erkrankt und ist trotz ihrer kleinen Tochter bereit mit Kleist den Freitod zu wählen. Am 21. November 1811 fallen die Schüsse zum Suizid. Einzig seiner Lieblingsschwester Ulrike hinterlässt Kleist letzte Worte:

An Ulrike von Kleist, 21. November 1811.
An Fräulein Ulrike von Kleist Hochwohlgeb. zu Frankfurt a. Oder.
Ich kann nicht sterben, ohne mich, zufrieden und heiter, wie ich bin, mit der ganzen Welt, und somit auch, vor allen Anderen, meine theuerste Ulrike, mit Dir versöhnt zu haben. Laß sie mich, die strenge Äußerung, die in dem Briefe an die Kleisten enthalten ist laß sie mich zurücknehmen; wirklich, Du hast an mir gethan, ich sage nicht, was in Kräften einer Schwester, sondern in Kräften eines Menschen stand, um mich zu retten: die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war. Und nun lebe wohl; möge Dir der Himmel einen Tod schenken, nur halb an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit dem meinigen gleich: das ist der herzlichste und innigste Wunsch, den ich für Dich aufzubringen weiß.
 Stimmings bei Potsdam.
    d. – am Morgen meines Todes
Dein
Heinrich






Weitere Begriffe:
Leben des Heinrich von Kleists, Wirken und Werke, Literarische Bedeutung, Literaturkritik, Deutsche Vorkriegsliteratur











Ein Artikel von Max Nastula
Geschrieben für die Akademie für europäische Integration Interaktion und Kommunkation kurz Akademie iik in Dortmund