Die Attentäter des ausgehenden 19-ten und beginnenden 20-ten Jahrhunderts

Morde als Mittel für die Politik - Attentate und Attentäter im 19-ten und 20-ten Jahrhundert


Attentäter Leon Czolgosz
Im ausgehenden 19-ten bis in das beginnende 20-te Jahrhundert fielen viele Politiker, Könige und Repräsentanten bestimmter politischer Systeme und Auffassungen meist sehr jungen Attentätern zum Opfer. Politische Morde gibt es zwar schon seit Jahrhunderten, so erlebten sie nicht zuletzt zur römischen Zeit ihre Blüte, die Frage bleibt aber: Warum töteten diese Männer? Und müssen wir solche Morde weiterhin befürchten? Ich habe einige Attentäter ausgewählt, die alle Schichten der Gesellschaft des ausgehenden 19-ten bis in das beginnende 20-ten Jahrhundert wieder spiegeln. 1866 schoss Ferdinand Cohen-Blind auf Bismarck, tötete ihn jedoch nicht. Im Jahre 1881 töteten mehrere junge Studenten der Narodnaja Wolja (Volkswille) den russischen Zaren Alexander II. Im Juli 1900 fiel der italienische König Umberto I einem Attentat des Anarchisten Gaetano Bresci zum Opfer Im September 1901 wurde der amerikanische Präsident McKinleys durch einen anarchistischen Anschlag von Leon Czolgosz getötet. 1914 wurde Franz Ferdinand von Österreich-Este in Sarajevo Opfer eines Anschlages, der heute als einer der Auslöser des Ersten Weltkrieges gilt.

Was haben diese Attentäter gemeinsam? Sie scheinen doch alle unterschiedliche Menschen zu sein und unterschiedliche Motive zu haben oder? Nun, sie lebten alle zur selben Zeit; in einer Zeit, in der es nicht sonderlich rosig war, wenn man kein Geld hatte. Es gab kein Harz IV, es gab keinen Sozialstaat und auch sonst schien es den Menschen so. als würde sich niemand um sie kümmern - außer sie selbst. Ich denke, das Leben war für einen Großteil der Bevölkerung härter, ungerechter, aussichtsloser und düsterer als es heute ist. Das Wort an sich hatte noch Brisanz. Heute kann jeder sagen was er will. Wer politisch oder Gesellschaftlich aktiv werden wollte, der musste Mut haben, der musste öffentlich auftreten. Heute kann jeder seinen unqualifizierten Senf, geschützt durch die scheinbare Anonymität des Internets, abgeben. All diese Mörder, die sicherlich nicht von Grund auf anders waren als du und ich!, all diese Attentäter, fühlten sich nicht ernst genommen, glaubten nichts bewegen zu können, meinten mit einem Mord, etwas zu erreichen, ja wahrscheinlich sahen sie in dem Mord sogar den einzig möglichen Weg etwas zu bewegen! Sie glaubten an die verschiedensten Ideale, an die verschiedensten Ideologien und doch im Grunde waren sie gleich. Ich wage sogar die Behauptung, sie waren nicht viel anders als wir. Außerdem muss die Frage nicht viel mehr heißen, warum töten wir heute nicht mehr? Ist töten nicht etwas Menschliches?, etwas was zu uns gehört? Haben wir uns selbst nicht seit Anbeginn der Zeit selbst umgebracht? Wir tun es doch heute noch! Bedeutet dies, dass bald die Politiker, Gewerkschaftler und Großindustriellen um ihr Leben fürchten müssen? Nein, wohl kaum.


Attentäter Gavrilo Princip Zum einen ist heute unser Leben wesentlich lebenswerter. Die wenigsten von uns sind heute von Hunger bedroht. Es gibt den Sozialstaat, der einem ein Dach über dem Kopf und die Möglichkeit auf Essen bietet. Mag die Schere zwischen Arm und Reich auch in den letzten Jahren immer größer werden. Sie ist lange noch nicht so groß wie im 19 oder 20 Jahrhundert. Unser Leben ist dadurch wesentlich lebenswerter. Ich glaube, wer nichts hat, glaubt, er habe nichts zu verlieren. Der Wert des Lebens wird anders bewertet. Der glückliche Mensch sieht gar nicht ein, warum er sein Leben beenden sollte (und ein Attentat bedeutete den sicheren Tod). Der Mensch der nichts hat oder alles verloren hat, der lässt sich viel mehr dazu überreden für andere sein Leben zu beenden. Parallelen sehen wir, wenn wir nicht gerade weg schauen, in Afrika, im Nahen Osten und auch in Asien. In Afrika werden schon Kinder zu Soldaten gemacht. Da gibt es auch keine Gesellschaft die den Tod verurteilt. Es gibt ganze Heere von Kindersoldaten, die scheinbar ohne Gewissen und ohne Gnade plündernd und mordend durch ganze Länder ziehen. Das Leben hat einen anderen Stellenwert und Todesstrafen / Selbstjustiz für vergleichsweise geringe Vergehen wie Diebstahl oder Raub, sind nicht selten. Viele Menschen haben aber auch keine Perspektive, keine Hoffnung und mal ganz ehrlich - sie haben auch keinen Grund, Hoffnung zu haben. „Wir“, die scheinbar zivilisierte Welt, schauen weg oder spenden mal ein Paar Euro. Ändern tun wir rein gar nichts. Sehen wir uns den Nahen Osten an. Nach dem die Amerikaner und ihre Verbündeten den Irak und Afghanistan besetzt haben, gab es viel Selbstmordattentate und Anschläge. Fast immer setzen die Attentäter dabei ihr Leben aufs Spiel und meist bezahlen sie auch mit dem Leben. Ähnlich wie bei unseren Attentätern des 19/20-ten Jahrhunderts sind sie in meinen Augen nur Kanonenfutter, Lämmer, die man zur Schlachtbank führt. Oder habt ihr schon einmal davon gehört, dass sich ein hochrangiges Al Qaida-Mitglied mit einem selbstgebastelten Sprengstoff in die Luft gesprengt hat. Soweit ich weiß, waren das bisher nur „Fußsoldaten“; Opfer blinden Hasses, Menschen ohne Perspektive in diesem Leben, die so wütend, so enttäuscht waren, dass sie den Weg des Selbstmordes und des Mordens als Lösung ihrer Probleme, Schmerzen und Gefühle gewählt haben. Für uns denke ich, ist es nicht wirklich nachvollziehbar. Wer war schon einmal in einer so schrecklichen Situation? Das ist doch genau die Situation, in der sich unsere politischen Attentate vor 100 Jahren abgespielt haben. Was gibt’s wohl noch für Gründe für ein Attentat?
Sicherlich lockte der Ruhm. Gäbe es den heute wohl noch? Nein. Wir würden einen Mörder nie auf solch eine Weise verehren. Wir verehren ja nicht einmal Männer wie Stauffenberg und Mitglieder des Kreisauer Kreises, die Hitler töten wollten. Für den Idealismus, für die Idee zu sterben, bedeutet nie vergessen zu werden. Man wird vielleicht sogar ein Volksheld, nach dem man Straßen benennt. Und so war es doch auch. Und so ist es doch auch!
Attentäter Ferdinand Cohen-Blind Warum widme ich mich im Jahre 2010 diesen Männern? Diese Männer haben Geschichte geschrieben! Ein weiterer Aspekt ist heute sicherlich die Durchlässigkeit des Systems nach oben. Auch jemand der keine finanzielle Unterstützung seitens der Eltern genießt kann Studieren, kann eine Firma führen oder gründen, kann Politik entscheiden und somit seinen eigenen Weg gehen. Auch die Auffassung von Politik ist heute eine ganz andere. Unsere Bilanz von Demokratie ist ernüchternd. Es gibt keine großen Forschritte mehr, Skandale und Machtkämpfe überlagern häufig die Tagespolitik, Entscheidungen dauern zu lange und oft sind die Ergebnisse unzufriedenstellend. Das Ansehen der Politik schrumpft und es gibt Menschen, die fragen sich, ob Politiker nicht mehr zerstören als sie nützen. Grundsätzlich kann man zwar gerade bei den Jugendlichen nicht von einer Politikverdrossenheit reden aber ich kenne auch niemanden, der von der Demokratie bzw. der Politik dermaßen begeistert ist, wie es einige unserer Attentäter waren. Nur noch die wenigsten von uns erinnern sich, wie es war in einer Diktatur zu leben. Keiner von uns jungen Menschen weiß, was es bedeutet unfrei zu sein. Wir sind Freiheit und Demokratie gewohnt. Wir wurden ganz anders erzogen als die Attentäter, die niemand animiert hat frei zu denken, die keine Möglichkeit hatten sich selbst ein Bild der Situation zu machen. Insgesamt denke ich, dass eine Kombination aus Unwissenheit, Wut, fehlender Perspektive und schlechten wirtschaftlichen Bedingungen die jungen Menschen zu solchen politischen Morden bewegt hat.





Weitere Begriffe:
1866 Bismarckattentat - Ferdinand Cohen Blind , 1881 Attentat der Narodnaja Wolja, Alexander der 2e, Juli 1900 König Umberto I wird von Gaetano Bresci getötet, September 1901: Der amerikanische Präsident McKinleys wird von Leon Czolgosz umgebracht , 1914 -> Attentat von Sarajevo, Franz Ferdinand stirbt, Politische Morde im 19ten und 20ten Jahrhundert











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